Ein Besuch im Opernmuseum: Rossinis “Barbier von Sevilla” im Theater Bremen

Raffaela Knack am 6. April 2010

Ein paar Tage nach Redmanns „Die Gehetzten“ im Schauspielhaus besuchte ich eine Vorstellung des „Barbier von Sevilla“ von Rossini im Theater am Goetheplatz.

Größer hätte der Unterschied kaum ausfallen können! Auf der einen Seite modernes Musiktheater in abwechslungsreicher und lebendiger Ausführung (Die Gehetzten), auf der anderen Seite das Opernmuseum des „Barbiere“ hier.

Aber wenn beides im Spielplan nebeneinander steht, bietet es die von mir so oft herbeigesehnte Vielfalt und dann kann auch ein sogenannter „Museumsbesuch“ durchaus seine Berechtigung haben! Nach den völlig veralberten und verhampelten Opern „Eugen Onegin“ und „Don Giovanni“ war ich vielleicht gerade deshalb nahezu erleichtert: endlich eine Regie, die zum Stoff passt!

Ich war am Ostermontag mal in der Stimmung, mich gut unterhalten zu lassen ohne meinen Kopf einschalten zu müssen, suchte quasi anstrengungslose Abwechslung vom Alltag – und bekam diese auch.

Die Musik von Rossini ist einfach nur wunderschön, ich habe sie sehr genossen! Die Sänger waren gut - sehr gut, ich hatte am Sänger-Ensemble fast nichts auszusetzen. Im Gegenteil!

Besonders hervorheben möchte ich dieses Mal die Sänger der beiden männlichen Hauptpartien: der Graf Almaviva wurde gesungen von dem Tenor Leonardo Ferrando, der sich mit guten sänger-darstellerischen Leistungen hervortat und die Titelpartie des Figaro von dem Bariton Levent Bakirci, der die Premiere noch krankheitsbedingt absagen musste.

Auch an diesem nachmittag schien er noch leichte Probleme mit der Nase, der Atmung zu haben, was seinem beeindruckendem Gesang und seinem darstellerischen Können aber keinen Abbruch tat!

Er konnte den meisten Applaus für sich verbuchen, auch in meinen Augen war er ein Highlight der Aufführung! Ich gebe es zu: ich geriet ins Schwärmen, freute ich mich doch diesen talentierten, jungen Sänger, der mir schon durch die „GEGEN DIE WAND“-Oper aufgefallen war, endlich einmal wiederzusehen.

Und auch wenn die rückwärts gewandte Inszenierung von Michael Hampe eine Adaption von 1981 ist, die so auch auf DVD zu sehen und wohl auch nicht verändert worden ist, fand ich sie in Ordnung! Sie war weder ein Ereignis noch ein Debakel! Sie lag irgendwo in der Mitte (Mittelmaß?), stellte sich ganz in den Dienst der Musik und des Gesanges, sodass beides in vollem Maße glänzen konnte.

Natürlich bleibt zu hoffen, das Bremens Kultur-Sparpläne dem Theater Bremen zukünftig nicht ausschließlich alte „Kamellen“ bescheren!

Hier aber geht es um eine simple Komödie (Graf Almaviva freit in verschiedenen Verkleidungen um Rosina, die ein Mündel von Dr. Bartolo ist und von diesem des Geldes wegen eifersüchtig bewacht wird; tatkräftige Unterstützung erhält Almaviva dabei vom titelgebendem Barbier), daher sehe ich keine Veranlassung diesen Stoff zu aktualisieren oder gar zu politisieren!

Sicher hätte man das Ganze ein wenig flotter, lebendiger, komödiantischer inszenieren können. Dennoch bleibt diese Komödie eben bloß eine Komödie, nicht mehr und nicht weniger! Ich habe mich jedenfalls nicht gelangweilt, dafür habe ich die Musik und den Gesang viel zu sehr genossen.

Ob man diese Opernaufführung also genießen kann oder verteufelt hängt im Wesentlichen davon ab, was man von einem Opernbesuch erwartet. Mehr noch als das normalerweise der Fall ist.

Man kann diesen „Barbiere“ warscheinlich mit seinen Eltern oder Großeltern ansehen , ohne Ärger befürchten zu müssen! Wenn einem bei dem Gedanken daran nicht schon die Haare zu Berge stehen…?

Mein Fazit fällt auf jeden Fall positiv aus: schöne Musik, tolle Sänger und eine dazu passende gefällige, altmodische Regie!

Regie: Michael Hampe

Musik. Leitung: Daniel Montané

Ausstattung: Monika Gora

Chor: Tarmo Vaask

Besetzung der von mir besuchten Vorstellung am 05.04.10:

Figaro: Levent Bakirci/ Graf Almaviva: Leonardo Ferrando/ Rosina: Stephanie Atanasov/ Dr. Bartolo: Tomas Möwes /Basilio, Musiklehrer: Jose Gallisa /Fiorillo, Diener des Grafen: Alberto Albarrán/ Berta, Haushälterin Dr. Bartolo: Agnes Selma Weiland/ Ambrosio, Diener Bartolos: G. Heering/ Notar: Bernd Tacke/ Offizier: Daniel Ratchev

Bernd Redmanns Musiktheater “Die Gehetzten” als Uraufführung im Schauspielhaus: lebendiges, unterhaltsames und mitreißendes Theater

Raffaela Knack am 6. April 2010

Wenn man es nicht mehr für möglich hält, desinteressiert und gelangweilt im Theatersessel hängt, geschieht plötzlich das Unerwartete: es gibt lebendiges, abwechslungs- und einfallsreiches Theater für Augen und Ohren!

So ist es mir beim Besuch der modernen Oper „Die Gehetzten“ von Bernd Redmann am 01.04.10 gegangen. Gleich nach der Einführung durch den Bass-Sänger Christian Hübner als blinder Bettler, der als eindrucksvoller Spielleiter durch die 21 Szenen dieser Oper führt, war ich hellwach, aufnahmebereit und neugierig auf das Bühnengeschehen!

Denn es geschah etwas: endlich mal kein langweiliges Aufsagetheater mit Hörspielcharakter, sondern eine Wundertüte an Ideen und fantasievollen Einfällen tat sich auf.

Libretto und Komposition von „Die Gehetzten“ stammt von Bernd Redmann, Professor für Musik und Theater in München. Seine erste Oper erzählt keine zusammenhängende Geschichte, sondern reiht in 90 kurzweiligen Minuten Episoden über unsere moderne Alltagswelt collagenhaft aneinander und greift dabei Themen auf wie Medien, Börse, Internet, Arbeit, Umwelt und Finanzwelt!

Dabei ist die musikalische Farbpalette so vielschichtig und interessant wie die verarbeiteten Themen. Verschiedene Stile und Genres stehen nebeneinander, Jazzklänge und Blueselemente lockern das Ganze auf. Besonders gefallen haben mir u.a. der Börsenmakler-Song und das „Jüngste Gericht“!

Der Regisseur dieser Uraufführunginszenierung ist Kay Kuntze, der künsterlische Leiter der Berliner Kammeroper. Und er brennt hier ein fant. Feuerwerk an origenellen Einfällen ab, unterhält auf intelligente und amüsante Weise. Ein schriller Bilderreigen, der Staunen macht, aber auch leise Töne anbietet. Lebendiges, pralles Theater! Lange vermisst im Bremer Theater!

Umso bedauerlicher, dass diese Aufführung nicht die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu finden scheint, die sie verdient! Eine Schwalbe macht zwar noch keinen Theater-Sommer, aber dieses Highlight solltet Ihr nicht verpassen!

Also Leute: unbedingt reingehen! Die Scheu vor modernem Musiktheater ist in diesem Falle unberechtigt, lasst Euch verführen und mitreißen, es lohnt sich! Es ist auch nicht nötig, sich in irgendeiner Weise vorzubereiten, lasst Euch einfach überraschen!

Fazit: Musik und Szenerie bieten abwechslungsreiches, vitales Theater, das Ensemble begeistert mit Spielfreude und Können, Chor und Mini-Orchester des Theater Bremen (13 Musiker!) leisten Großartiges! Hier ist ein kleines, aber feines Gesamtkunstwerk geschaffen worden, sodass ich keine einzelnen Künstler heraus greifen will.

 

Komposition: Bernd Redmann

Musikl. Leitung: Tarmo Vaask

Regie: Kay Kuntze

Darsteller/Sänger: Nadine Lehner, Christian Andreas Engelhardt, Christian Hübner, Loren Lang, Johannes Scheffler und Mitglieder des Chores

Brutalstmöglich OFFEN

hardy am 28. Februar 2010

Werte Frau Emigholz , werter Herr Mützelburg  und werte weitere Mitglieder der Intendantinnenfindungskommission , wer zahlt , schafft an und in diesem Sinne möchte ich als Theaterfreund und Steuerzahler fragen , warum wir es erstens  nicht bei der “Fünferbande” lassen , welches zweitens Ihre Kriterien bei der Intendantinnenauswahl sind und drittens , wie der Zwischenstand der Auswahl ist , damit ich nicht auf westfälische Blätter angewiesen sein muss …Mit Dank und Gruss

Vielen Dank für die offene Kommunikation, Frau Emigholz - Bremer Klüngel at its best

philipp am 19. Februar 2010

Wieder einmal bekommen wir vorgeführt, wie man’s nicht macht. Gestern stand es in der “Süddeutschen”, heute, am 19.02.2009, lesen wir im “Westfalen-Blatt” (http://www.westfalen-blatt.de/nachrichten/regional/bielefeld.php?id=35806&artikel=1) endlich wieder mal was neues über die offensichtlich im dichten Gestrüpp von “linker Hand und rechter Tasche” stattfindende Intendantenkür.

Vielen Dank Frau Emigholz, dass sie sich so getreu an ihr Versprechen halten, das sie der Veranstaltung der Theaterfreunde im Oktober gegeben haben. Das ist also die “brutalstmögliche” Offenheit - na dann viel Spaß! So macht man sich offensichtlich Freunde, zumindest in Bielefeld

Der Wortlaut der Meldung im Westfalen-Blatt:

Bielefeld (uj). Der Bielefelder Theaterintendant Michael Heicks soll laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zu den vier Kandidaten gehören, die bei der Suche nach einem neuen Generalintendanten für das Theater Bremen in die engste Wahl gezogen wurden.

Die SZ hatte gestern gemeldet, dass die Findungskommis­sion sich neben Heicks auf Res Bosshart (früherer Inten­dant am Theater Meiningen), Cornelia Preissinger (künstle­rische Betriebsdirektorin an der Oper Hannover) und Michael Börgerding (früherer Chefdramaturg am Hambur­ger Thalia-Theater) geeinigt habe. Dem Bericht zufolge handelt es sich um »Kandidaten aus der zweiten Reihe«. Als Grund dafür wird die karge finanzielle Ausstattung des Bremer Vier-Sparten-Hauses genannt, das mit einem Bud­get von 24 Millionen Euro nurmehr »zweite Liga« sei.

Die Presseabteilung des Theaters Bielefeld dementiert, dass sich Michael Heicks auf die Intendantenstelle in Bre­men beworben haben soll. Heicks selbst, der gestern an einer Tagung des Deutschen Bühnenvereins in Düsseldorf teilnahm, war telefonisch nicht zu erreichen.

Auch die Bremer Kulturbehörde weist den Bericht über die Kandidatenliste zurück. Es treffe nicht zu, dass die vier genannten Namen in die Endauswahl gekommen seien, ließ die Behörde verlauten.

Der Weser-Kurier in Bremen geht von einer gezielten Indiskretion aus. Jemand aus der Findungskommission habe offenbar vier falsche Namen in Umlauf gebracht, um letztendlich einen anderen Favoriten ins Rennen zu schi­cken. OB Pit Clausen zeigte sich von der Nachricht völlig überrascht: »Ich weiß davon nichts.« Auch die Vorsitzende der Theater- und Konzertfreunde, Christiane Pfitzner, sieht keinen Sinn in einer Bewerbung seitens Michael Heicks’. »Das Theater Bielefeld ist im mittleren Bereich ein sehr angesehenes Haus«, sagte die Theko-Vorsitzende. Eine Bewerbung an ein in Verruf geratenes Haus wie Bremen mache keinen Sinn.

Eine derartige Behauptung aufzustellen, grenze schon an Rufmord, sagte Christiane Pfitzner.

„La dolce vita“ am Schauspielhaus des Theater Bremen - Futter für Aufmerksamkeitskannibalen

philipp am 18. Februar 2010

1960 hat Federico Fellini den Film „La dolce vita” gedreht, vielen bekannt durch das Foto einer Szene- Anita Ekberg in der „Fontana di Trevi”.

Die Handlung des Films bildet auch den Rahmen der in Bremen gezeigten Uraufführung der Theaterfassung von Mirja Biel und Joerg Zobralski, die auch für die Regie, Co-Regie, Musik und Video verant­wortlich sind. Mirja Biel ist in Bremen durch die viel beachtete Inter­pretation des Fassbinder-Stücks „Die bitteren Tränen der Petra von Kant” hoch gelobt worden.

Die Geschichte des Films beschreibt die satte Ödnis im Leben der Haute-Volée aus Bourgeoisie und Adel im Rom der 50er Jahre. Mit Krieg und Faschismus waren diesen die Motivationshilfen abhanden gekommen und das viele Geld im Hintergrund drückt, will raus, muss verlebt werden. Protagonist der Geschichte ist der Journalist Marcello Rubini, begleitet durch seinen Fotografen Paparazzo, dem Namens­geber seiner Gattung, Marcello hat als gut aussehender Emporkömm­ling Zugang zu diesen erlauchten Kreisen gefunden. Es ist für seine Klientel Selbstbestätigung und Nervenkitzel zugleich, wenn er seine Hofberichterstattung dem gemeinen Volk zugänglich macht. Dafür darf er hin und wieder gelangweilte Up-Town- Damen beschlafen und an den ausschweifenden Festen teilnehmen. Derjenige, der dazu gehört, ist frei und entspannt, duldet gleichgeschlechtliche Liebe, intellektuell prickelnde Ausreißer sind zwar meist wirkungslos, aber reizend - nur, „ die im Dunkeln sieht man nicht”.

Biel und Zobralski haben den Stoff des Films in ihre heutige Zeit über­tragen und das Individuum Marcello mit den Fragen und Widersprü­chen, die aus seiner Journalisten-Existenz entstehen, in den Mittel­punkt gestellt. Marcello, intensiv und konsequent dargestellt von Glenn Goltz, erlebt seine Welt in Bildern, die von dem „recording Angel” (Christoph Rinke - wieder einmal absolut bestechend) beschrieben und kommentiert werden.

Das Bühnenbild von Monika Gora ist einfach, gut und treffend- ein drehbarer, teilweise geöffneter Zylinder aus symetrischen Feldern von quadratischen Glasbausteinen, der auch als Projektionsfläche für Videoeinspielungen dient, die teilweise mit Handkameras das aktuelle Geschehen vergrößern und verstärken, Man fragt sich, ob die Glas­baustein-Felder gleichzeitig ein Ausschnitt aus der Fassade des neuen Logistik-Zentrums der Beck’s Brauerei in der Bremer Neustadt, die abgeschlossene Innenwelt von Medienjunkies oder die Gefangenheit der menschlichen Existenz darstellen sollen.

Das erste Bild nun zeigt Marcello, wie er rennt, rennt und rennt, seiner Bahn aber nicht entkommen kann, da er den inneren Rand des runden Bühnenaufbaus entlang läuft. Als er nach schier endlosem Laufen end­lich erschöpft zusammenbricht, erklärt der „Engel”, der das Konterfei seiner Vorlage Andy Warhol auf seinem T-Shirt trägt, dass den Men­schen die Liebe, die Fähigkeit zu lieben, abhanden gekommen sei. Dies wird im Folgenden gezeigt, als Marcello und Maddalena (Irene Kleinschmidt) sich einander zuwenden wollen. Nachdem es im Film vor fünfzig Jahren noch aufregend genug war, sich im Schlafzimmer einer Prostituierten zu vergnügen, während diese Cafe zubereitet, gibt’s den richtigen Thrill in der Jetzt-Zeit nur bei einer „Menage a Troi” und allem, bloß keiner Missionarsstellung. Zurück bleibt nichts, ein schaler Geschmack wird durch Tristesse ersetzt.

Bild folgt auf Bild, fast wie in einer Moritat - es wird gezeigt, wie Papa­razzi sich um den besten Schuß balgen, dann wartet Marcello und seine Paparazza (Franziska Schubert) zum ersten Mal auf die Ankunft von Anita. Es fällt Schnee - und das Publikum wartet auch auf Anita - optimalerweise im Brunnen. Bald darauf warten sie ein weiteres und später auch noch ein drittes Mal, es (das Leben?) wird immer kälter, immer dichter wird der Schneefall und immer mehr passen sich Mar­cello und seine Paparazza der Umgebung an, bis sie - Pinguinen gleich - über die Bühne watscheln.

Weitere Bilder zeigen, wie Marcello von seinem Vater (Martin Baum) besucht wird und dieser in einem Nachtclub vom Johannistrieb über­mächtigt, sich mit einer marionettenhaften Prostituierten einlässt. Dem der Aufregung gestundeten Kreislaufzusammenbruch entflieht er mit dem nächstbesten Zug nach Hause zu Mutti. Diese Szene ist fast detailgetreu dem Film entnommen und auch der von seinen Depressi­onen gezeichnete Intellektuelle Steiner (Guido Gallmann) mit seiner Existenzialisten-Korona bekommt seinen Auftritt, an dessen Ende er sich und seine Kinder umbringt. Und immer wieder versucht die brave Emma (Susanne Schrader) als „offizielle” Geliebte des Marcello mit kleinbürgerlicher Sehnsucht diesen aus dem Strudel von Sex, Verach­tung, Tristesse und Langeweile zu befreien. Sie hat keinen Erfolg, wird beschimpft und verhöhnt.

Diese Bildfolgen werden immer wieder unterbrochen durch die Kom­mentare des „recording Angel”, von dem Marcello erfährt, dass er nur das ist, was ein Spiegel im Spiegel sieht - Nichts. Beim nächsten Mal erscheint der Engel in der Figur des Mode-Übervaters Lagerfeld, der in bekanntem Schnellsprech überheblich Gift und Bonmots verspritzt. Alsbald ist er Adriano Celentano, dann in einem Rokoko-Rock Casa­nova nicht unähnlich.

Es scheint, als wären die einzelnen kurzen Episoden wie in einem Musikvideo in schneller Folge teilweise übergangslos aneinander geschnitten. Und wie in diesen Videos hat der Betrachter für eine ratio­nale Verarbeitung, Analyse und Einordnung der Gemeinheiten und Brutalitäten keine Zeit. So kumulieren von Szene zu Szene die Gefühle und die gezeigte Tristesse wird beinahe körperlich fühlbar. Da möchte man den Gefühlsausbruch des Marcello schon fast ernst nehmen, der fast unvermittelt das Publikum in einem Ausbruch von Verzweiflung und Wut auffordert, doch endlich abzuhauen. Um dies zu unterstrei­chen, belegt er die Zuschauer mit einigen Ausdrücken, wobei er mit „Aufmerksamkeitskannibalen” den Treffer des Abends erzielt, denn dies beschreibt doch sehr präzise, warum man ihn für seine Tätigkeiten bezahlt.

Das Publikum der Premiere wäre also fast schon „abgehauen”, zag­hafter Beifall begann, aber das Stück war noch nicht zu Ende. Denn endlich und lang erwartet, aber etwas unvermittelt, zeigt sich nun auch Anita - der Engel in seiner letzten Erscheinungsform. Als Marcello sieht, wie sie sich in den herabfallenden Wassern des Trevi-Brunnen räkelt und windet, verliert er vollkommen die Kontrolle über sich, springt aus seinen Kleidern und fällt, seiner Lust nachgebend, über sie her. Als auch sie sich aus ihren Kleidern schält, wird das Publikum der Männlichkeit beider Darsteller gewahr und kann versuchen sich hierauf einen Reim zu machen, während sich die versammelten Darsteller in der Rundung der Bühne zu einer allegorischen Darstellung aufstellen, der Figurengruppe der besagten Fontana di Trevi nicht unähnlich.

Damit werden die Zuschauer in einen nachdenklichen oder durch Ver­wirrung verhaltenen Applaus entlassen. Denn zu unvermittelt sind der Gefühlsausbruch des Marcello und die Schlussszene aufgetaucht und schon wieder vorbei. Es macht den Anschein, als müsste nach zwei Stunden Vorstellung ohne Pause dem Treiben plötzlich ein Ende gefunden werden.

Es ist ein interessantes, sehenswertes Stück mit einem wirklich enga­giert agierenden Ensemble. Aber die Frage bleibt, warum dieses Stück „La dolce vita” heißt. Gut, es ist schon ein „Bringer”, wenn der eine oder andere Zuschauer durch sein Interesse an Fellini ins Theater gelockt wird. Doch es bleibt von dem Film inhaltlich wenig übrig - dort die Betrachtung einer Gesellschaftsschicht, einer Klasse, hier im The­ater nun ein individuelles Schicksal zwischen den Fronten - dort explo­siv durch den politisch aktiven Kontext des kalten Krieges, hier ein ob der fehlenden Vision trauriges und wehmütiges Depressivum. Also wäre es konsequenter, nicht hinter einen fahrenden Titel-Zug zu sprin­gen, sondern ein eigenes Statement mit einem eigenen Titel abzugeben, vielleicht unter dem Stichwort „Aufmerksamkeitkanniba­len”.

Interessant ist, dass dennoch dem Zuschauer ungewollt (?) ein getreues Bild unserer Gesellschaft gegeben wird. Wenn alle und alles sich nur noch um das Aufspüren von individuellen Schlupflöchern dre­hen, die einen in der Steuerschweiz, andere in esoterischeren Winkeln, viele in verzweifelt verteidigter privater Geborgenheit, alle sich aber darin einig, dass Engagement nur sinnvoll für den privaten Vorteil ist - warum sollte sich das Theater die Mühe geben, dies anders zu sehen und zu zeigen? Eben weil es Theater ist, eben weil es die Finger in Wunden legen muss, eben weil es nicht nur fragen, sondern auch lösen darf. Das wären zwar nicht mehr „Brot und Spiele”, aber der Mühe doch einmal wert?!

Sinn?

ANTON am 9. Februar 2010

Ich lese alle Artikel hier in diesem Forum und frage mich, ob das hier ein InsiderBlog sein soll: ein Inzest? Hier schreiben ein paar wenige, man kann sie an einer Hand abzählen und ich hatte die Hoffnng, hier sei ein “erhörtes” Forum: dem ist anscheinend nicht so: wie schade! Auch die Hinzunahme der Shakespeare Company halte ich für unwichtig! Das Bremer Theater steht im Fokus! Aber was können 5 Leute schon bewegen? Die sich gegenseitig lesen und nichts dringt nach außen; ich dachte an mehr.

Erschüttert

ANTON am 6. Februar 2010

Ich teile diese Meinung sehr; wann bekommt Bremen wieder ein spannendes Sprechtheater? Das hat nicht mit Geschmack zu tun. Ich bin gerne mal nicht einverstanden im Theater. Das muss sein. Theater muss bewegen. Hier bewegt es nur die Langeweile der Zuschauer: und Zuschauer werden immer weniger. Ich will ein anderes Theater! In meinem ganzen Freundeskreis haben so viele ihre Abos gekündigt. Ich sitz unterdessen alleine. Ich weiß, dass ein Bedürfnis da ist für ein gutes Theater. Die Shakesperae Company deckt das nicht ab; das ist nicht meine Welt. Und ich will auch ein gutes Ensemble sehen: das Jetzige scheint unter sich irgendwie nicht einig zu sein? Ja, ich muss Shoasta zustimmen: eine Intendantin ist angesagt. Eine neue Handschrift und kein Abziehbild in Hochglanz. Frey ist weg und es blubbert munter weiter, als wär nix los: ist halt auch nix los. Aus beruflichen Gründen (Webdesign für kulturelle Institutionen) reise ich viel in Deutschland und besuche gerne auch Sprechtheater. Als Pierwoß noch Intendant war, sagte man: Bremen ist immer 1. Bundesliga, wenngleich so bewegt und auf und ab, dass es mal mehr, mal weniger abstiegsgefährdet zu sein scheint - immerhin 1. Bundesliga!!!, neben Hamburg, Berlin, München. Schlimm ist, wenn ich heute mich als Brener Theatergänger oute, fragt man mich in München sofort: ist es wirklich so schlimm in Bremen?

Ich schäme mich beinahe: ja, es ist sogar schlimmer. Es ist nicht mehr unser Theater. Noch schlimmer: es gehen immer weniger hin. Neulich bei Macbeth - waren das im großen Haus (Oper) 140 Leute?

Wenn die Leute wenigstens mitten in der Vorstellung sich erheben würden und laut den Sall verlassend die Türen schlagen würden….Nein! Sie kommen nach der Pause einfach nicht wieder. Diese Stille, verehrter Shoasta, ja diese Stille ist ungut.

Herzlichen Dank

Antonius

Tennessee Williams “Die Glasmenagerie” im Moks: anstrengend, aber empfehlenswert!

Raffaela Knack am 4. Februar 2010

Da ich Freikarten vom „Weser-Report“ für den 03.02.10 gewonnen habe, bin ich nach langer Schauspiel-Abstinenz, was das Theater Bremen betrifft, mal wieder dort gewesen - und war am Ende nicht, wie üblich, genervt!

Es ist zwar eine karge, strenge Inszenierung, auf die man sich einlassen wollen muss und für die man volle Konzentration benötigt, aber dafür wird man am Ende mit einer guten Ensemble-Leistung (Ulrike Beerbaum, Eva Gosciejewicz, Jan Byl und vor allem Thomas Hatzmann) und einigen intensiven Momenten belohnt!

Dennoch habe ich natürlich einige Kritikpunkte anzubringen:

Zum einen ist kein Bühnenbild vorhanden! Ich bin zwar durchaus kein Freund opulenter Ausstattungsorgien, aber ein wenig mehr als dieser leere Bühnenraum, umgeben von einer Spanplatten-Rückwand als Abgrenzung dürfte es schon sein ! In einer Ecke steht eine Kaffeemaschine, auf einer Säule sitzt ein riesiger Adler, der zweimal auf die Bühne scheisst! Das war es auch schon… Etwas MEHR hätte das ganze Geschehen sicher wohltuend auflockern können…

Zum anderen störte mich - auch hier wieder – der Hörspiel-Charakter der Aufführung! Der Sohn der Familie, Tom Wigfield gespielt von Thomas Hatzmann, führt als Erzähler in das Stück hinein als auch hinaus. Es fehlt jedweder Aktionismus, alles wird bloß behauptet – und eben nicht gespielt! Alles, was im Stücktext als Regieanweisungen vorkommt, wird gleich mit vorgetragen. Sogar das Wörtchen „Pause“ wird mitgesprochen.

Bei zunehmender Spieldauer ist es schon arg strapaziös. Das ist natürlich so gewollt und als Konzept des Regisseurs Matthias Kaschig konsequent von Anfang bis Ende durchgezogen. Ich bin einerseits dankbar, überhaupt ein Konzept, eine klare Linie entdecken zu können, aber andererseits ist diese formale Strenge auch ermüdend und anstrengend!

Insgesamt machen die guten bis sehr guten Darsteller das Ganze aber durchaus sehenswert!

Eine Antwort für Shoasta

Raffaela Knack am 4. Februar 2010

Es herrscht eine gefährliche Stille um das Bremer Theater , das sehe ich genauso! Warum es in diesem Blog so still geworden ist?

Ich kann nur für mich sprechen: ich habe einfach die Schnauze voll von all dem schlechten Theater in Bremen! Meine Geduld, mir immer wieder lausige Schauspiel-Produktionen anzusehen und spätestens zur Pause wieder zu verlassen, ist auf den absoluten Nullpunkt gesunken! Auf jeden Fall will ich dafür nicht auch noch bezahlen…

Ich habe nach Alternativen zum Schauspiel des Theater Bremen gesucht – und bin eben nicht fündig geworden!

Die Bremer Shakespeare Company ist für mich kein Ersatz, sie sind mir zu volkstümlich und holzschnittartig! Diese ewigen Blödelleien entsprechen einfach nicht meinem Geschmack! Eine HAMLET-Probe im Januar 2010 habe ich durchlitten und war am Ende wieder mal total genervt von dem ganzen Quatsch! Meinem Freundeskreis kann ich einen HAMLET-Besuch nicht so ohne weiteres empfehlen!!! Jedenfalls nur auf eigene Gefahr, die Enttäuschung sollte einkalkuliert werden!

Auch das hochgelobte Bremer Theaterlabor konnte bei mir nicht punkten! Am 8. Januar 2010 besuchte ich eine Aufführung der „Jagdszenen aus Niederbayern“ von Martin Sperr und ging (völlig vergrätzt) zur Pause! Sterbenslangweiliges Aufsage- und Hörspiel-Theater konnte mich nicht begeistern und machte auch keine Lust auf mehr!?!

Zur Zeit flüchte ich noch ab und zu in die Bremer Oper, weil bei allem Ärger über die jeweilige Regie meistens doch wenigstens der Genuss der Musik und des Gesanges bleibt!

Das von mir schmerzlichst vermisste Schauspiel des Theater Bremen habe ich durch häufigere Kinobesuche kompensiert!

Denn das Kino, sowohl das deutsche als auch das internationale , bietet mir die große Bandbreite (vom Popcorn-Kino bis zu anspruchsvollen Arthouse-Filmen) und die großartigen schauspielerischen Glanzleistungen, die mir kein Theater in Bremen mehr bieten kann!!!

„Das weiße Band“ von Michael Haneke ist für mich z.B. ein Meisterwerk (sperrig und verstörend und unter die Haut gehend), das man gesehen haben sollte!

Und die beeindruckendste schauspielerische Leistung des abgelaufenen Kinojahres bietet Christoph Waltz als Oberst Landa in Tarantinos „Inglourious Basterds“! Sollte man ebenfalls nicht verpasst haben!

Aber da dieser Blog kein Kinoforum ist, hilft alles „fremdschwärmen“ nichts… Jeder frustrierte Theatergänger ist doch bestimmt ebenfalls auf der Suche nach Ersatz, welcher Art auch immer, um die entstandene Lücke zu füllen, oder? Und diejenigen, die es sich leisten können (was bei mir nicht der Fall ist), fahren halt nach Hamburg oder Berlin… Denn niemand mag sich dauerhaftem, scheinbar unveränderbarem Frust auszusetzen…

Man geht nicht mehr ins Theater, jedenfalls nicht so oft wie früher, hofft auf einen neuen Intendanten und kann in der Zwischenzeit nur abwarten, was sonst?

Das Theater liegt mir zwar nach wie vor am Herzen, aber meine Wut, Verzweiflung, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit bin ich in diesem Blog ja bereits losgeworden. Und soll ich mich ständig wiederholen? Andere Stimmen zu hören, wäre auch einmal schön…

Abgesehen davon gibt es ja nichts Neues mehr zu kommentieren, es ist zu Frey ja bereits alles gesagt worden!
Ich befürchte schon lange, dass wir Freys Lakaien nicht wirklich loswerden! Und so lange wir keine neuen, andersgesinnten Spartenleiter bekommen, ändert sich nie etwas! Ich glaube auch nicht mehr an ein zukünftiges anspruchsvolleres und gehobeneres Niveau des Theater Bremen durch einen qualifizierten Intendanten, der einen wirklichen Neuanfang praktizieren kann und will.

Ich bin resigniert: alles bleibt, wie es ist – ein Schrecken ohne Ende!

Warten auf die Talsohle

Shoasta am 31. Januar 2010

Ich verweise auf den sehr deutlichen Bericht:

Theater der Zeit: Heft 2, Februar 2010

Als langjähriger Abonent und “Teilnehmer” am Theatergeschehen am Bremer Theater; es tut weh!