1960 hat Federico Fellini den Film „La dolce vita” gedreht, vielen bekannt durch das Foto einer Szene- Anita Ekberg in der „Fontana di Trevi”.
Die Handlung des Films bildet auch den Rahmen der in Bremen gezeigten Uraufführung der Theaterfassung von Mirja Biel und Joerg Zobralski, die auch für die Regie, Co-Regie, Musik und Video verantwortlich sind. Mirja Biel ist in Bremen durch die viel beachtete Interpretation des Fassbinder-Stücks „Die bitteren Tränen der Petra von Kant” hoch gelobt worden.
Die Geschichte des Films beschreibt die satte Ödnis im Leben der Haute-Volée aus Bourgeoisie und Adel im Rom der 50er Jahre. Mit Krieg und Faschismus waren diesen die Motivationshilfen abhanden gekommen und das viele Geld im Hintergrund drückt, will raus, muss verlebt werden. Protagonist der Geschichte ist der Journalist Marcello Rubini, begleitet durch seinen Fotografen Paparazzo, dem Namensgeber seiner Gattung, Marcello hat als gut aussehender Emporkömmling Zugang zu diesen erlauchten Kreisen gefunden. Es ist für seine Klientel Selbstbestätigung und Nervenkitzel zugleich, wenn er seine Hofberichterstattung dem gemeinen Volk zugänglich macht. Dafür darf er hin und wieder gelangweilte Up-Town- Damen beschlafen und an den ausschweifenden Festen teilnehmen. Derjenige, der dazu gehört, ist frei und entspannt, duldet gleichgeschlechtliche Liebe, intellektuell prickelnde Ausreißer sind zwar meist wirkungslos, aber reizend - nur, „ die im Dunkeln sieht man nicht”.
Biel und Zobralski haben den Stoff des Films in ihre heutige Zeit übertragen und das Individuum Marcello mit den Fragen und Widersprüchen, die aus seiner Journalisten-Existenz entstehen, in den Mittelpunkt gestellt. Marcello, intensiv und konsequent dargestellt von Glenn Goltz, erlebt seine Welt in Bildern, die von dem „recording Angel” (Christoph Rinke - wieder einmal absolut bestechend) beschrieben und kommentiert werden.
Das Bühnenbild von Monika Gora ist einfach, gut und treffend- ein drehbarer, teilweise geöffneter Zylinder aus symetrischen Feldern von quadratischen Glasbausteinen, der auch als Projektionsfläche für Videoeinspielungen dient, die teilweise mit Handkameras das aktuelle Geschehen vergrößern und verstärken, Man fragt sich, ob die Glasbaustein-Felder gleichzeitig ein Ausschnitt aus der Fassade des neuen Logistik-Zentrums der Beck’s Brauerei in der Bremer Neustadt, die abgeschlossene Innenwelt von Medienjunkies oder die Gefangenheit der menschlichen Existenz darstellen sollen.
Das erste Bild nun zeigt Marcello, wie er rennt, rennt und rennt, seiner Bahn aber nicht entkommen kann, da er den inneren Rand des runden Bühnenaufbaus entlang läuft. Als er nach schier endlosem Laufen endlich erschöpft zusammenbricht, erklärt der „Engel”, der das Konterfei seiner Vorlage Andy Warhol auf seinem T-Shirt trägt, dass den Menschen die Liebe, die Fähigkeit zu lieben, abhanden gekommen sei. Dies wird im Folgenden gezeigt, als Marcello und Maddalena (Irene Kleinschmidt) sich einander zuwenden wollen. Nachdem es im Film vor fünfzig Jahren noch aufregend genug war, sich im Schlafzimmer einer Prostituierten zu vergnügen, während diese Cafe zubereitet, gibt’s den richtigen Thrill in der Jetzt-Zeit nur bei einer „Menage a Troi” und allem, bloß keiner Missionarsstellung. Zurück bleibt nichts, ein schaler Geschmack wird durch Tristesse ersetzt.
Bild folgt auf Bild, fast wie in einer Moritat - es wird gezeigt, wie Paparazzi sich um den besten Schuß balgen, dann wartet Marcello und seine Paparazza (Franziska Schubert) zum ersten Mal auf die Ankunft von Anita. Es fällt Schnee - und das Publikum wartet auch auf Anita - optimalerweise im Brunnen. Bald darauf warten sie ein weiteres und später auch noch ein drittes Mal, es (das Leben?) wird immer kälter, immer dichter wird der Schneefall und immer mehr passen sich Marcello und seine Paparazza der Umgebung an, bis sie - Pinguinen gleich - über die Bühne watscheln.
Weitere Bilder zeigen, wie Marcello von seinem Vater (Martin Baum) besucht wird und dieser in einem Nachtclub vom Johannistrieb übermächtigt, sich mit einer marionettenhaften Prostituierten einlässt. Dem der Aufregung gestundeten Kreislaufzusammenbruch entflieht er mit dem nächstbesten Zug nach Hause zu Mutti. Diese Szene ist fast detailgetreu dem Film entnommen und auch der von seinen Depressionen gezeichnete Intellektuelle Steiner (Guido Gallmann) mit seiner Existenzialisten-Korona bekommt seinen Auftritt, an dessen Ende er sich und seine Kinder umbringt. Und immer wieder versucht die brave Emma (Susanne Schrader) als „offizielle” Geliebte des Marcello mit kleinbürgerlicher Sehnsucht diesen aus dem Strudel von Sex, Verachtung, Tristesse und Langeweile zu befreien. Sie hat keinen Erfolg, wird beschimpft und verhöhnt.
Diese Bildfolgen werden immer wieder unterbrochen durch die Kommentare des „recording Angel”, von dem Marcello erfährt, dass er nur das ist, was ein Spiegel im Spiegel sieht - Nichts. Beim nächsten Mal erscheint der Engel in der Figur des Mode-Übervaters Lagerfeld, der in bekanntem Schnellsprech überheblich Gift und Bonmots verspritzt. Alsbald ist er Adriano Celentano, dann in einem Rokoko-Rock Casanova nicht unähnlich.
Es scheint, als wären die einzelnen kurzen Episoden wie in einem Musikvideo in schneller Folge teilweise übergangslos aneinander geschnitten. Und wie in diesen Videos hat der Betrachter für eine rationale Verarbeitung, Analyse und Einordnung der Gemeinheiten und Brutalitäten keine Zeit. So kumulieren von Szene zu Szene die Gefühle und die gezeigte Tristesse wird beinahe körperlich fühlbar. Da möchte man den Gefühlsausbruch des Marcello schon fast ernst nehmen, der fast unvermittelt das Publikum in einem Ausbruch von Verzweiflung und Wut auffordert, doch endlich abzuhauen. Um dies zu unterstreichen, belegt er die Zuschauer mit einigen Ausdrücken, wobei er mit „Aufmerksamkeitskannibalen” den Treffer des Abends erzielt, denn dies beschreibt doch sehr präzise, warum man ihn für seine Tätigkeiten bezahlt.
Das Publikum der Premiere wäre also fast schon „abgehauen”, zaghafter Beifall begann, aber das Stück war noch nicht zu Ende. Denn endlich und lang erwartet, aber etwas unvermittelt, zeigt sich nun auch Anita - der Engel in seiner letzten Erscheinungsform. Als Marcello sieht, wie sie sich in den herabfallenden Wassern des Trevi-Brunnen räkelt und windet, verliert er vollkommen die Kontrolle über sich, springt aus seinen Kleidern und fällt, seiner Lust nachgebend, über sie her. Als auch sie sich aus ihren Kleidern schält, wird das Publikum der Männlichkeit beider Darsteller gewahr und kann versuchen sich hierauf einen Reim zu machen, während sich die versammelten Darsteller in der Rundung der Bühne zu einer allegorischen Darstellung aufstellen, der Figurengruppe der besagten Fontana di Trevi nicht unähnlich.
Damit werden die Zuschauer in einen nachdenklichen oder durch Verwirrung verhaltenen Applaus entlassen. Denn zu unvermittelt sind der Gefühlsausbruch des Marcello und die Schlussszene aufgetaucht und schon wieder vorbei. Es macht den Anschein, als müsste nach zwei Stunden Vorstellung ohne Pause dem Treiben plötzlich ein Ende gefunden werden.
Es ist ein interessantes, sehenswertes Stück mit einem wirklich engagiert agierenden Ensemble. Aber die Frage bleibt, warum dieses Stück „La dolce vita” heißt. Gut, es ist schon ein „Bringer”, wenn der eine oder andere Zuschauer durch sein Interesse an Fellini ins Theater gelockt wird. Doch es bleibt von dem Film inhaltlich wenig übrig - dort die Betrachtung einer Gesellschaftsschicht, einer Klasse, hier im Theater nun ein individuelles Schicksal zwischen den Fronten - dort explosiv durch den politisch aktiven Kontext des kalten Krieges, hier ein ob der fehlenden Vision trauriges und wehmütiges Depressivum. Also wäre es konsequenter, nicht hinter einen fahrenden Titel-Zug zu springen, sondern ein eigenes Statement mit einem eigenen Titel abzugeben, vielleicht unter dem Stichwort „Aufmerksamkeitkannibalen”.
Interessant ist, dass dennoch dem Zuschauer ungewollt (?) ein getreues Bild unserer Gesellschaft gegeben wird. Wenn alle und alles sich nur noch um das Aufspüren von individuellen Schlupflöchern drehen, die einen in der Steuerschweiz, andere in esoterischeren Winkeln, viele in verzweifelt verteidigter privater Geborgenheit, alle sich aber darin einig, dass Engagement nur sinnvoll für den privaten Vorteil ist - warum sollte sich das Theater die Mühe geben, dies anders zu sehen und zu zeigen? Eben weil es Theater ist, eben weil es die Finger in Wunden legen muss, eben weil es nicht nur fragen, sondern auch lösen darf. Das wären zwar nicht mehr „Brot und Spiele”, aber der Mühe doch einmal wert?!